Gilles Kepel, Terror in Frankreich [fr]

Die Société d’études françaises de Bâle (Die Gesellschaft französischer Studien Basel) und die Berner Alliance française empfangen Gilles Kepel, jeweils am 3. und 4. Oktober 2016. Der französische Politikwissenschaftler ist Experte für Islam und die zeitgenössische arabische Welt. Er wird seine Gedanken anhand seines neusten Buchs "Terror in Frankreich"(Gallimard, 2015) erläutern.

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Portrait photo de Gilles Kepel
photo C. Hélie Gallimard

Gilles Kepel ist Universitätsprofessor am Institut für politische Studien in Paris (Sciences Po) und Mitglied des Instituts Universitaire de France. Seit vierzig Jahren analysiert er die Beziehung zwischen der westlichen Welt und der arabischen Welt. Sein neuestes Buch, Terror in Frankreich (Gallimard, 2015) schildert die Entwicklungsgeschichte des französischen Dschihad äusserst präzise.
Terror in Frankreich, Der neue Dschihad in Europa, Kunstmann, 2016
In Zusammenarbeit mit Antoine Jardin

Sie werden Anfang Oktober in der Schweiz Ihr neuestes Buch Terror in Frankreich präsentieren/vorstellen. Was birgt dieser sehr harte bzw. angstauslösende Titel?

Dieser Titel ist ein Ausdruck der Wirklichkeit. Es gab 239 Todesfälle seit den Anschlägen vom 7. Januar 2015 bei Charlie Hebdo, dem Mord eines Priesters in Saint-Etienne-du-Rouvray am 26. Juli 2016, Bataclan und dem 14. Juli in Nizza.
Dieses Phänomen wird in meinem Buch vorgestellt. Ich versuche zu verstehen, warum wir uns heute einer "dritte Generation des Dschihadismus" stellen müssen und unter welchen besonderen Bedingungen dieses Phänomen entsteht, denn Europa wird spezifisch als die "ventre mou (weichen Unterleib)" des Westens bezeichnet.
Die "Dritte Generation Dschihadismus" umfasst einen Dschihadismus, der nicht mehr mit dem, was Bin Laden konzipiert hatte, zu tun hat. Es ging damals um eine pyramidale Organisation, die ausländische Agenten in die Herzen der westlichen Gesellschaften (wie am 11. September 2001) schickte. Jetzt geht es um die Mobilisierung junger Europäer, damit sie Angriffe in ihrer unmittelbaren Umgebung ausführen.
Obwohl Abu Musab al-Suri 2005 einen Aufruf für einen globalen islamischen Widerstand auf dem Internet veröffentlichte, wurde das Phänomen nicht verstanden und die Geheimdienste aus ganz Europa blieben ratlos. Der Faktor des sozialen Kontexts muss ebenfalls betrachtet werden. Die meisten Dschihadisten kommen aus einem neo-Proletariat, das die europäische Mittelklasse, vor allem sein Hedonismus, seine Kultur, aber auch die christliche Religion zerstören will. Es muss nachvollziehbar sein, was genau passiert ist, damit dieses Phänomen der sozialen Entfremdung zu solcher Gewalt führen konnte und inwiefern der Dschihadismus diese Entfremdung strukturiert. Darum geht es in meinem Buch.
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Wie entsteht dieser französische Dschihadismus?

Erstens gibt es die Verflechtung zwischen den Fragen des Nahen Osten und Europa; Europa ist in der Nähe zum Nahen Osten und Nordafrika. Aber es ist auch mit den arabischen Aufständen und dem Zusammenbruch von Staaten korreliert - Libyen, Syrien - die gesetzeslose Gebiete geschaffen haben, wo die Dschihadisten in der Lage gewesen waren, das Kalifat zu errichten. Dies ist als Grund für die Angriffe und jeweils als Vergeltung der Bombardierungen vom Gebiet des Kalifats zu betrachten.
In Frankreich wird das Phänomen im Zusammenhang mit dem, was ich als "neokoloniale Brandung" nenne. Es ist kein Zufall, dass Mohammed Merah am 19. März 2012, 50 Jahre nach dem Tag des Waffenstillstands Algerien Krieg, jüdische Kinder getötet hat. Er beginnt seinen „Algerienkrieg“in Frankreich und dschihadisiert diesen Krieg.
Es gibt auch das Phänomen der sozialen Entfremdung der Jugend, die ihren Platz in der europäischen Gesellschaft nicht mehr findet. Wir werden dieses Element in Deutschland wiedererkennen, vor allem behalf der Flüchtlingsproblematik, mit der Sorge, dass Individuen infiltriert werden, um Angriffe auszuführen. Das Ziel ist, europäische Gesellschaften zu sprengen und einen Bürgerkrieg zu provozieren. Das wird ernsthaft von den Geheimdiensten betrachtet.
Die Herausforderung besteht darin, diese Kluft in den europäischen Gesellschaften zu verhindern, und zu vermeiden, dass diese Bewegungen muslimische Jugend mobilisieren können, um sie gegen andere EU-Bürger aufzubringen.
Darin besteht die Herausforderung der sozialen und wirtschaftlichen Integrationsverfahren und der Dissoziation zwischen der Dschihad-Salafisten Ideologie und der muslimischen Bevölkerung als Ganzes.

Ist der Dschihad ein Phänomen, das die Schweiz beeinträchtigt oder beeinträchtigen könnte?

Die Schweiz wird nicht verschont. Es ist von dem Phänomen betroffen, weil es sich an einem wichtigen Knotenpunkt auf dem Weg des Dschihadismus befindet. Mehrere französische Dschihadisten sind durch die Schweiz gereist und wurden dort verhaftet undausgeschafft. So zum Beispiel Adel Kermich, der Mörder von Saint-Etienne-du-Rouvray. Es betrifft die Schweiz, wenn auch in geringerem Ausmaß..

JPEGTerreur dans l’Hexagone auf Deustch übersetzt, Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa, Kunstmann Verlag

Die NZZ hat im Mai 2016 ein Interview von Gilles Keppel durchgeführt:

Januar 2016 beantwortete er die Fragen der Leser von der Zeitung Le Temps.

- Am 03. Oktober 2016 – 18.15Uhr – Universität Basel, Kollegienhaus, Raum 118, Société d’études françaises de Bâle
- Am 04.Oktober 2016 – 19.30Uhr – Bern, Schulwarte (Institut für Weiterbildung und Medienbildung), Helvetiaplatz 2, Alliance française de Berne

Letzte Änderung 28/09/2016

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